Toxikologie · 8 Min. Lesezeit

ADI, ARfD & NOAEL erklärt

Drei Kürzel, die entscheiden, ob eine Pestizid-Aufnahme als sicher gilt. Hier entsteht die wissenschaftliche Grundlage jeder Höchstmenge — und das erklärt, warum Behördenwerte meist sehr konservativ sind.

Bevor eine Höchstmenge festgelegt wird, muss geklärt sein: Wie viel von einem Wirkstoff kann ein Mensch zeit seines Lebens aufnehmen, ohne dass es zu Schäden kommt? Dafür definiert die EFSA zwei zentrale Referenzwerte — ADI und ARfD. Beide leiten sich von einer dritten Größe ab: dem NOAEL.

NOAEL — der Startpunkt jeder Bewertung

NOAEL steht für „No Observed Adverse Effect Level" — die höchste Dosis, bei der in toxikologischen Studien gerade noch keine schädliche Wirkung beobachtet wurde. Ermittelt wird er in Langzeitstudien, meist an Ratten oder Mäusen. Ein Beispiel: Würde bei 5 mg pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag erstmals ein Effekt auftreten, wäre der NOAEL die nächstniedrigere Dosis, etwa 1 mg/kg KG/Tag.

Aus diesem Tierversuchswert leiten sich die Referenzwerte für den Menschen ab — aber nicht eins zu eins.

Der Sicherheitsfaktor 100

Um vom Tierversuch auf den Menschen zu schließen, teilt die EFSA den NOAEL typischerweise durch 100. Dieser Faktor berücksichtigt zweierlei: dass Menschen manche Stoffe empfindlicher vertragen als Tiere (Faktor 10) und dass innerhalb der menschlichen Bevölkerung ebenfalls große Unterschiede bestehen (Faktor 10). Übrig bleibt ein Wert mit sehr großer Sicherheitsreserve.

ADI — die dauerhaft verträgliche Menge

ADI (Acceptable Daily Intake, duldbare tägliche Aufnahme) ist die Menge eines Wirkstoffs in mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, die ein Mensch jeden Tag lebenslang aufnehmen kann, ohne dass gesundheitliche Schäden zu erwarten sind. Er wird berechnet als:

ADI = NOAEL ÷ 100

Liegt der NOAEL bei 50 mg/kg KG/Tag, ergibt das ein ADI von 0,5 mg/kg KG/Tag — der Wert, der für Glyphosat gilt.

ARfD — die Menge für eine Mahlzeit

Während das ADI die langfristige Belastung absichert, betrachtet die ARfD (Acute Reference Dose, akute Referenzdosis) eine einmalige Aufnahme mit einer einzelnen Mahlzeit. Manche Wirkstoffe wirken akut toxisch, auch wenn die dauerhafte Aufnahme unkritisch wäre. Dann liegt die ARfD niedriger als das ADI — wie etwa bei Chlorpyrifos mit ARfD 0,0015 und ADI 0,001 mg/kg KG/Tag.

Für einige Wirkstoffe wird keine ARfD festgelegt, weil keine akute Toxizität bei realistischen Aufnahmemengen zu erwarten ist — das ist bei Glyphosat der Fall.

Wie ADI und ARfD in Höchstmengen einfließen

Mit diesen Referenzwerten berechnet die EFSA, welche Rückstandsmenge in Lebensmitteln zulässig sein kann, ohne dass ADI oder ARfD auch bei großen Verzehrern überschritten werden. Die Höchstmenge wird so gewählt, dass selbst im ungünstigsten Konsumszenario ein Sicherheitsabstand bleibt. Daher gilt im Alltag oft: Die tatsächliche Aufnahme liegt um ein Vielfaches unter dem ADI.

Was bedeutet „% des ADI"?

Der Expositionsrechner zeigt Ergebnisse als Prozentsatz des ADI oder ARfD. Bis 100 % ist der Referenzwert ausgeschöpft — dank des Faktors 100 liegt aber selbst bei 100 % noch eine Sicherheitsspanne zum NOAEL. Werte unter 10 % des ADI sind toxikologisch unbedenklich, auch bei lebenslangem Konsum.

Die Grenzen der Methode

Die Bewertung stützt sich auf Tierversuche und Modelle. Schwachstellen sind seltene Effekte (etwa Entwicklungsneurotoxizität), die in Standardtests nicht immer erfasst werden — der Fall Chlorpyrifos hat das deutlich gemacht. Deshalb werden Referenzwerte bei neuen Erkenntnissen nachgeschärft, und nicht genehmigte Wirkstoffe erhalten Höchstmengen auf Bestimmungsgrenze.

Mitnehmen

ADI (chronisch) und ARfD (akut) sind die Maßstäbe, an denen Pestizid-Aufnahmen gemessen werden. Beide enthalten den Sicherheitsfaktor 100 gegenüber dem NOAEL. Liegt die eigene Aufnahme darunter, ist sie toxikologisch nicht von Belang.